Business Angels

11
Sep

Eine gute Idee alleine reicht nicht

Selma Prodanović wird nicht umsonst die „Grande Dame“ der Start-up-Szene in Österreich genannt. Mit uns sprach sie über Business Angels, gute Ideen, risikoreiche Investments und die männlich dominierte Start-up-Szene.

Interview: JELENA GUČANIN  | Fotos: MICHAEL MAZOHL

VBW: Was kann man sich denn unter dem Begriff „Business Angel“ vorstellen?

PRODANOVIĆ: Ein Business Angel ist eine Person, die ihre Erfahrung in die nächste Generation, also in Start-Ups, investiert. Grundsätzlich investiert ein Business Angel Geld, Erfahrung und Netzwerke. Ein Investor investiert „nur“ Geld. Es gibt genügend Statistiken, die zeigen, dass Start-Ups, die einen Business Angel an Bord haben, viel erfolgreicher sind als jene ohne.

VBW: Wenn jetzt ein Start-Up zu Ihnen kommt – wie arbeiten Sie dann zusammen?

PRODANOVIĆ: Das ist sehr unterschiedlich und hängt von der Phase ab, in der sich das Start-Up gerade befindet. Es gibt keine festen Regeln. Grundsätzlich müsste es so sein, dass das Start-Up schon etwas vorweisen kann, also etwa einen Prototyp oder eine Beta-Version. Oft schaut sich ein Business Angel einen Businessplan nicht genau an, sondern in der Frühphase vor allem die Verhältnisse, wie die Person dahinter denkt, worum es geht. Das ist dennoch nicht die Basis, um eine Investment-Entscheidung zu treffen. Das passiert in späteren Phasen, wo es dann schon nachweisbare Zahlen gibt. Grundsätzlich geht es darum, dass eine Person, die ein Unternehmen gründen möchte, schon etwas vorzuweisen hat. Eine gute Idee alleine reicht nicht. Die Idee ist natürlich sehr wichtig, aber die Wirtschaftswelt zeigt, dass es um die Umsetzung geht. Wenn man bedenkt, dass es Yahoo vor Google gab, und Google trotzdem erfolgreicher ist, liegt das eindeutig an der Umsetzung. Das Gleiche passierte mit MySpace und Facebook. Somit: die Idee ist wichtig, das Team und die Umsetzung sind aber wichtiger.

VBW: Wie wissen Sie, ob es sich lohnt zu investieren?

PRODANOVIĆ: Grundsätzlich gibt es keine Sicherheiten. Jedes Investment ist ein Risk Investment. Erstens: man investiert in Bereiche, in denen man sich auskennt. Das erleichtert die Einschätzung des Potenzials. Zweitens: Wenn ich in ein Start-Up investiere, kann ich beeinflussen, was passiert. Damit ist es keine Überraschung, sondern es ist in meinem Sinne, dass es gut läuft. Es gibt gewisse Statistiken, die einfach sagen, man muss ein Portfolio haben – mehrere Investments – um Verluste ausgleichen zu können. Einige werden es nicht schaffen, andere wiederum werden sehr erfolgreich sein.

VBW: In welchen Bereichen bewegen sich Ihre Investitionen?

PRODANOVIĆ: Alles, was digital ist, ist besonders interessant. Ob wir von Medizin oder Medien reden – es bewegt sich alles im digitalen Bereich. Ich mag kreative Projekte, Projekte, die einen Impact haben, die ein Problem lösen. Man investiert viel mehr in die Menschen als in die Businessidee, die dahinter steckt. Ich habe mit über 300 Start-Ups zusammen gearbeitet und daher ist mir die Frage wichtig, wo ich etwas beitragen kann, wo ich einen Unterschied machen kann.

VBW: Gibt es Highlights und besondere Erfolge, auf die Sie stolz sind?

PRODANOVIĆ: Zum Beispiel das Webportal „whatchado“, in das ich investiert habe. Oder das Start-Up „updatemi“, das relevante Nachrichten für die NutzerInnen zusammenfasst, die „Erdbeerwoche“, bei der es um nachhaltige Frauenhygiene geht. Ich finde es großartig, wenn junge Frauen Start-Ups gründen. Für mich ist es aber vor allem diese Gesamtheit, die wirklich schön ist. Das, was mich interessiert hat, ist: wie können wir es schaffen, ein Ökosystem für Start-Ups zu schaffen? Ich habe etwa gemeinsam mit Stefanie Pingitzer und Hansi Hansmann die Austrian Angels Investors Association (AAIA) gegründet. Damit haben wir die ganze Business Angel Bewegung in Gang gebracht.

VBW: Die Start-Up-Szene ist also ein zu stark männlicher dominierter Bereich?

PRODANOVIĆ: Ja, absolut. Aber das soll uns nicht aufhalten. Wenn wir eine Diversität an Start-Ups haben wollen, dann müssen wir auch eine Diversität an InvestorInnen haben. Für mich persönlich ist Entrepreneurship eine Lebensphilosophie, die eine positive, lösungsorientierte Denkweise beinhaltet. Ich will die Menschen motivieren, mehr an sich selbst zu glauben und das eigene Potenzial weiterzuentwickeln. An seine Grenzen zu gehen. Im September starte ich die weltweite Tournee „One million Start-Ups“, bei der ich die nächste Generation von Founders und Investors inspirieren will. In den nächsten zwei Jahren werde ich an über 100 Events teilnehmen, Vorträge und Workshops halten, das Thema positionieren. Letztendlich ist das Ziel, eine Million Start-Ups zu gründen, zu inspirieren, zu entwickeln.

VBW: Sehen Sie in Wien Veränderungen in der Start-Up-Szene?

PRODANOVIĆ: Natürlich. Als wir vor einigen Jahren angefangen haben, gab es gar nichts. Wir waren sozusagen eine Handvoll Verrückte. Heute ist einfach so viel los, dass ich absolut die Kontrolle verloren habe und das ist wunderbar. Es hat sich wirklich sehr schön entwickelt. Auch eine „Vienna Business Week“ wäre vor vier, fünf Jahren nicht möglich gewesen. Jetzt gibt es eine kritische Masse, die dazu führt, dass Sachen passieren und entstehen. Von der Politik gibt es auch mehr Wahrnehmung und Unterstützung, etwa das neue Crowdfunding-Gesetz. Das sind Entwicklungen der letzten fünf bis sechs Jahre. Wir waren zwar spät dran, haben aber super aufgeholt.

VBW: Wie sind Sie persönlich dazu gekommen, in diesem Bereich zu arbeiten?

PRODANOVIĆ: Ich habe mein Unternehmen Brainswork im Jahr 2005 gegründet. Der Gedanke war: brains working together. Damals war dieser Gedanke noch nicht so üblich. Es hat sich einfach herausgestellt, dass ich mein Leben lang in diesem New Business Development oder Start-Up Development gearbeitet habe – nur damals habe ich das noch nicht gewusst. Ich habe in mehreren Werbeagenturen gearbeitet, in der Filmproduktion, Finanzberatung, ich war sogar Lehrerin. Aber immer war ich irgendwo am Anfang, habe etwas aufgebaut und dann bin ich weggegangen. Nach 15 Jahren habe ich endlich damit angefangen, diese Unternehmen bzw. Leute, die etwas gestartet haben, zu unterstützen. Zu dem Zeitpunkt war ich sehr engagiert in der Kreativwirtschaft Austria. Ich habe gesehen, dass viele keine Ahnung von Wirtschaft haben. Dann hat sich der Kreis erweitert. Meine Aufgabe ist es, die nächste Stufe für das Ökosystem zu erreichen. In Wien ist meine Arbeit zum großen Teil getan. Es geht jetzt darum, dieses Wissen zu exportieren. Es hat sich auch herausgestellt, dass mein Privatleben mein Berufsleben stark beeinflusst hat. Als Kind musste ich alle zwei Jahre die Schule wechseln, weil mein Vater gereist ist. Ich war immer irgendwo am Anfang und habe es gerade geschafft, mich zu etablieren und dann musste ich wieder von vorne anfangen. Das kann ich sehr gut: Wenn nichts da ist, von vorne anzufangen. Genau in dieser Anfangszeit, wo eigentlich noch keine Strukturen da sind, sondern alles gemacht werden muss –  diese lebendige Entwicklung – das ist das, was ich am liebsten mache.

VBW: Haben Sie drei konkrete Tipps, die Sie jungen GründerInnen geben können?

PRODANOVIĆ: Das Wichtigste ist, dass sie wissen, was sie wirklich wollen. Das ist oft nicht ganz klar. Das Unternehmen sollte auf etwas aufgebaut werden, das die GründerInnen persönlich betrifft. Das bedeutet, dass es ein Problem lösen sollte, dass sie dann wirklich tatsächlich leben. Weil es harte Arbeit ist. Sie müssen davon ausgehen, dass sie in den nächsten drei bis fünf Jahren oft nicht schlafen, weil sie nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben, auch finanziell. Oft werden Sachen passieren, die sie nicht planen können. Leute werden sagen, dass es sowieso nie aufgehen wird – sie müssen also an sich glauben. Da gibt es schöne Beispiele: „mySugr“, die Applikation, die Diabetikern hilft, durch den Tag zu gehen, wurde von vier Diabetikern gegründet. Sie wollten ihr eigenes Problem lösen und dann hat sich herausgestellt, dass 360 Millionen Menschen das gleiche Problem haben. Oder letztendlich habe ich mein Unternehmen gründet, weil mir genau das gefehlt hat, als ich angefangen habe: Personen, die dich bei deiner Vision unterstützen, dir Vertrauen geben und dir helfen. Der Gedanke, ein Unternehmen gründen zu wollen, um reich zu werden, funktioniert nur sehr selten. Zweitens ist es ganz wichtig, umgeben zu sein von Leuten, die das unterstützen. Im Idealfall sind es Co-Founders – alleine zu starten, ist sehr schwierig. Es sollten zwei bis drei Personen sein, mit komplementären Fähigkeiten. Also erstens: wissen, was man will. Zweitens: das eigene Team finden. Drittens: hinaus gehen und darüber reden. Die Idee muss mit vielen Menschen geteilt werden. Es ist ganz wichtig, über die Idee zu sprechen und diese auch tatsächlich umzusetzen. Zwischen einer Idee und der Umsetzung liegen Welten.

VBW: Ist es dann überhaupt möglich, nebenbei noch zu arbeiten oder muss man alles aufgeben?

PRODANOVIĆ: Das hat mit dem eigenen Leben zu tun. Für manche ist es wichtig, einen klaren Cut zu machen und sich nur dem Unternehmen zu widmen. Ich finde, es sehr wichtig, sich dem eine Zeit lang neben der Arbeit zu widmen und zu sehen, ob es klappt. Am Anfang steht oft eine Euphorie und dann kommt das reale Leben. Da muss man sich schon bewusst sein, was alles auf einen zukommt, um sicherzustellen, dass man dazu bereit ist. Zum Glück weiß man aber am Anfang nicht so genau, was auf einen zukommt, sonst würde man es nicht machen (lacht). Bevor ich gestartet bin, habe ich mich eineinhalb Jahre lang vorbereitet. Ich hatte schon den Namen, das Logo, Visitenkarten, bin zu dutzenden Networking-Events gegangen.

VBW: Wenn jetzt jemand ein Unternehmen gründen will und 500.000 Euro braucht – woher bekommt man dieses Geld?

PRODANOVIĆ: Dass sie überhaupt in die Situation kommen, dass sie das Geld brauchen, müssen sie schon etwas entwickelt haben. Bis sie das entwickelt haben, müssen sie sich schon ein wenig in der Szene bewegt haben. Das passiert nicht von heute auf morgen. Sie gehen dann zu Austrian Startup Events, zu Coworking Spaces, zu verschiedenen Veranstaltungen. Es ist notwendig dort hinzugehen, um das alles zu verstehen und ein Gefühl dafür zu bekommen. Wenn sie das strategisch machen, dann werden sie die richtigen Leute kennenlernen. Auch über das Netzwerk der Austrian Angels Investors Association (AAIA) kann man Investoren kennenlernen. Ich glaube nicht an Gründer, die von heute auf morgen erfolgreich geworden sind.

VBW: Was halten Sie von Fernsehshows wie „Shark Tank“, wo GründerInnen auf InvestorInnen treffen?

PRODANOVIĆ: Ich selbst war Teil der Jury von „2 Minuten 2 Millionen“ auf Puls4 und finde solche Sendungen wichtig und notwendig. Es ist natürlich eine Show und dessen muss man sich bewusst sein. Aber diese Massenwirkung, die eine Fernsehsendung hat, können wir auf herkömmlichem Weg nie erreichen. Und es hat reale Auswirkungen: In der ersten Staffel wurden tatsächlich mehr als zwei Millionen investiert – das ist echtes Geld, das geflossen ist.

VBW: Wie ist es nach der TV-Sendung weitergegangen?

PRODANOVIĆ: Einige Start-Ups haben sich sehr gut entwickelt, andere sind noch am Weg dorthin. Es ist wirklich sehr unterschiedlich. Nicht jedes Start-Up ist für jeden Investor geeignet. Absagen sollte man nicht persönlich nehmen. Ich habe selbst bei vielen Projekten nicht dabei sein können, die ich liebend gerne unterstützt hätte. Das lag an Geld- und Zeitfaktoren. Außerdem gibt es Bereiche, in die nicht investiere, weil ich mich dort nicht auskenne. Teil davon, ein Enterpreneur zu sein, ist hartnäckig zu bleiben und an sich selbst zu glauben. Role Models kommt dabei eine extrem wichtige Rolle zu. Wenn wir die nicht haben, dann ist es extrem schwierig, etwas durchzusetzen. Vor allem müssen wir daran arbeiten, dass mehr Frauen als Vorbilder sichtbar werden. Als Erste ist es immer sehr schwierig. Ich habe sicher sieben, acht Jahre lang damit verbracht, die „Verrückte““ zu sein, bis ich dann zur Visionärin wurde.

 

>>ZUR PERSON:

Selma Prodanović, auch „Startup-Grande-Dame“ genannt, ist das, was man heute unter „bestens vernetzt“ versteht. Als „Business Angel“ und Gründerin und CEO der Brainswork Group zählt sie zu den einflussreichsten Unternehmensberaterinnen in Zentral- und Südosteuropa. Die gebürtige Bosnierin ist seit mehr als zwanzig Jahren in den Bereichen New Business Development, Networking, Creative Industries und International Marketing tätig. Internationalität ist bei ihr nicht nur ein Schlagwort – sie lebt sie. Aufgewachsen ist sie in Europa und Afrika, studiert hat sie in Sarajevo, Madrid und Wien. Selma beherrscht fünf Sprachen und lebt seit 1991 in Wien.