Gerhard Hirczi

11
Sep

Mit dem Scheitern ist die Existenz bedroht

Wir trafen Gerhard Hirczi, Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien, zum Interview und sprachen mit ihm über den bürokratischen Gründungsprozess, Wiener Uniqueness, Förderungen und die Startup-Szene.

Interview: TATJANA PANTELIC | Fotos: IGOR RIPAK

VBW: Wenn Sie die GründerInnen von vor 10 Jahren und heute vergleichen, welche Entwicklungen können Sie erkennen?

HIRCZI: Startup, Inkubator, Crowdfunding – wer hat vor 10 Jahren darüber gesprochen? In Wien nur wenige. Heute positioniert sich Wien als internationaler Start up Hub. Auch im Bereich der ethnischen Ökonomien hat es eine rasante Entwicklung gegeben. Diese positiven Trends haben wir als Wirtschaftsagentur der Stadt mit vielen gezielten kostenlosen Angeboten aktiv vorangetrieben.

VBW: Denken Sie, dass der Gründungsprozess immer noch zu bürokratisch und umständlich ist? Was könnte man besser machen?

HIRCZI: Das ist nicht in einem Satz zu beantworten. Der Gründungsakt selbst ist einfach – in Wien ist es mittlerweile sogar möglich, einen Gewerbeschein online anzumelden. Bis zum tatsächlichen Start eines Unternehmens sind aber natürlich auch eine Reihe von Regulativen zu beachten – Betriebsanlagengenehmigung, Arbeitnehmerschutz usw. – die mit Komplexitäten verbunden sind. Ich gehe aber davon aus, dass die meisten dieser Regulative ihren Sinn haben – schließlich haben wir es ja nicht immer mit der Entwicklung von Apps in einem Kleinbüro zu tun, sondern auch um Tätigkeiten, die mit Auswirkungen auf ihr Umfeld verbunden sind. Hier geht es dann darum, eine vernünftige Balance zu finden.

VBW: Was sind für Sie die drei wichtigsten Punkte, die man erledigt haben muss, bevor man ein Unternehmen gründet?

HIRCZI: Unsere mittlerweile langjährige Erfahrung in der Beratung von Gründerinnen und Gründern zeigt uns, dass gute Vorbereitung, Information und Vernetzung das Tor zum nachhaltigen Erfolg ein gutes Stück weit öffnen. Unsere Expertinnen und Experten stehen dafür zu Verfügung – in 15 Sprachen und kostenlos.

VBW: Warum soll sich ein Startup in Wien ansiedeln und nicht in Berlin oder London?

HIRCZI: In Wien sind Start ups mitten in Europa, finden eine wahrscheinlich weltweit einzigartige Förderlandschaft, eine junge, dynamische Szene, günstigen Wohnraum, leistbare Büros und eine zuverlässige Infrastruktur. Die Kindergartenplätze sind gratis, Öffis fahren zuverlässig und sind billig – und ganz wichtig: es gibt weit mehr Menschen, die an neue Ideen glauben und in Start ups investieren als gemeinhin bekannt. Pro Jahr insgesamt 160 Millionen Euro.

VBW: Vizebürgermeisterin Renate Brauner meinte, dass es in Wien eine „Kultur des Scheiterns“ braucht, wie sehen Sie das?

HIRCZI: Da hat die Vizebürgermeisterin völlig recht – aber das braucht es nicht nur Wien, sondern in ganz Österreich! Im Scheitern liegt auch das „Gscheiter werden“, darauf sollten wir uns jedenfalls stärker konzentrieren. Dennoch dürfen wir die Thematik nicht rhetorisch verklären, denn in Österreich ist mit dem Scheitern oft auch die Existenz bedroht.

VBW: Der Startup Bereich ist laut einer Studie zu rund 70% eindeutig männlich dominiert. Woran denken Sie liegt das?

HIRCZI: An der Branchenverteilung. Wir wissen, dass der Großteil der Startups in Wien im IT- und Life Science-Bereich tätig ist – und dort sind weibliche Arbeitskräfte leider viel zu selten anzutreffen.

VBW: Hat Wien ein Vorbild in punkto Wirtschaftsstandort?

HIRCZI: Wien ist unique.

VBW: In den letzten Jahren haben Sie sicher die kreativsten und innovativsten Geschäftsideen zu hören bekommen. Welche war für Sie bis jetzt die ungewöhnlichste?

HIRCZI: Hier scheitere ich gerne vor der Qual der Wahl (lacht).

VBW: Ein Angebot der Wirtschaftsagentur Wien sind die Förderungen. Wie viele Unternehmen fördern Sie jährlich und wie wählen Sie aus, welche gefördert werden?

HIRCZI: Wir fördern die Wiener Unternehmen mit 40 Millionen Euro. Damit wurden im Vorjahr 540 Projekte umgesetzt. Diese Projekte haben 240 Millionen Euro an Investments ausgelöst und 1500 Arbeitsplätze geschaffen.

 

>>INFO:

Seit 2009 ist Gerhard Hirczi Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien. Als zentrale Anlaufstelle für nationale und internationale Unternehmen bietet die Wirtschaftsagentur Wien monetäre Förderungen, Immobilien, Stadtentwicklungsimpulse, sowie kostenlose Service- und Beratungsangebote. Damit sollen Wiener Unternehmen und ihre Innovationskraft gestärkt und der Wirtschaftsstandort nachhaltig entwickelt und im internationalen Wettbewerb gefestigt werden.