Renate Brauner

11
Sep

Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns

Wir trafen Renate Brauner, Wiener Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Finanzen, Wirtschaftspolitik und Wiener Stadtwerke zum Interview und sprachen mit ihr über Startups, Schanigärten und Sharing Economy.

Interview: DINO ŠOŠE   | Fotos: MICHAEL MAZOHL

VBW: Was sind die Hauptunterschiede zwischen dem Wirtschaftsstandort Wien heute und noch vor 10 Jahren?

BRAUNER: Wien ist ein Wirtschaftszentrum, das ganz besonders auf Bildung und Qualifikation setzt. Wir sind der größte deutschsprachige Universitätsstandort, wir haben Unternehmen, die auf hohe Qualität setzen und so schaut die Wiener Wirtschaft auch aus. Ein hoher Anteil an Unternehmungen mit Entwicklung und Forschung und auch an Dienstleistungen. Wir sind mittlerweile einer der größten Life Science und Informations- und Kommunikationstechnologie-Standorte in Europa, und wir werden immer mehr zu einer Stadt der GründerInnen. Vor 10 Jahren haben wahrscheinlich nur wenige gewusst, was Startups genau sind, mittlerweile gibt es einen regelrechten Boom, seit 2010 hatten wir bei Startup-Gründungen eine Steigerung von mehr als 30%.

VBW: In Wien werden jährlich über 8000 Unternehmen gegründet. Welche sind die größten, damit verknüpften Herausforderungen für eine schnell wachsende Stadt?“

BRAUNER: Ganz allgemein sicherlich gute Rahmenbedingungen zu schaffen und unsere Unternehmen so zu unterstützen, dass ihre Ideen den Sprung in den Alltag schaffen.

VBW: Was braucht es noch, damit Wien als Startup Hotspot in einem Zug mit London oder Berlin genannt wird?

BRAUNER: Wir sind da auf einem sehr guten Weg, wenn ich nur an das Pioneers Festival denke, wo tausende Startups sich regelmäßig hier in Wien treffen und vernetzen. Wir haben auch eigene Startup-Packages, wo wir Startups auch nach Wien holen und sie für ein paar Monate mit Lokalität, Finanzierung und Beratung unterstützen. Wir müssen aber noch mehr WienerInnen Mut dazu machen, auch selbst Startups zu gründen. Wir müssen es auch schaffen, dass wenn jemand mal nicht so erfolgreich ist, er oder sie nicht gleich in den Boden gestampft wird, sondern dass man sagt „OK, das ist nicht gut gegangen, was hast du daraus gelernt, wie kann man einen zweiten Versuch starten?“. Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns, obwohl mir der Begriff nicht gefällt.

VBW: Denken Sie auch wie Wirtschaftskammerpräsident Leitl, dass jeder der arbeiten will, auch eine Arbeit findet?

BRAUNER: Wer solche Aussagen tätigt, beweist, dass er von der Lebensrealität der Menschen, vor allem auch der jungen Menschen, nur sehr wenig Ahnung hat. Leider ist unser Wirtschaftswachstum immer noch zu gering, um am österreichischen Arbeitsmarkt wirklich für eine Trendwende zu sorgen. Dafür aber den Arbeitslosen die Schuld zu geben, halte ich politisch für grundfalsch und es ist menschlich unfair. Die Wirtschaft sollte man selbst in die Pflicht nehmen.

VBW: Wie schafft man aber in Wien neue Arbeitsplätze? Laut Manfred Juraczka (ÖVP Wien) nicht im Rathaus.

BRAUNER: Ok. (lacht) Beim Herrn Juraczka fällt mir nicht sehr viel ein. Aber im Ernst: In unserer Stadt entstehen laufend neue Arbeitsplätze, wir haben einen absoluten Beschäftigungsrekord in unserer Stadt. Eines unserer Probleme ist aber, dass mehr als die Hälfte der Wiener Arbeitslosen höchstens Pflichtschulabschluss hat. Hier versuchen wir mit den vielen Qualifizierungsunterstützungen des waff zu helfen. Jobs schaffen und erhalten können wir als Kommune vor allem durch unsere Investitionen. Ein Beispiel: Alleine vom U-Bahn-Ausbau nach Oberlaa profitieren über 200 größere und kleinere Firmen. Deutlich sinken wird die Arbeitslosigkeit in Wien aber nur dann, wenn wir es schaffen, in Österreich und in Europa die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Mit der Sparpolitik der Konservativen wird uns das aber, das hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, sicher nicht gelingen.

VBW: Themenwechsel: Sollen Schanigärten ganzjährig geöffnet sein bzw. im Sommer länger als bis 23:00 Uhr?

BRAUNER: Wir leben in einer großen Stadt und natürlich gibt’s die, die gern in Schanigärten sitzen, es gibt aber auch die, die über dem Schanigarten wohnen. Die unterschiedlichen Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden. Damit man das sachlich und vernünftig macht, gibt es gerade eine Evaluierung. Dann werden wir anhand von Fakten entscheiden, wie wir weiter machen. Wir sitzen alle gerne im Schanigarten!

VBW: Wie kann man Grätzl, in denen viele Lokale leer stehen, wiederbeleben?

BRAUNER: Den einen großen Masterplan kann es nicht geben, da kommen viele Faktoren zusammen. Erst im vergangenen Jahr haben wir unsere Geschäftsstraßenförderung erweitert. Zusätzlich zur klassischen Förderung gibt es jetzt eine ganz eigene Schiene für innovative Projekte fürs Grätzl. Seit Juli gibt es auch eine neue Förderung für kleine und mittlere Unternehmen, die in ein länger als ein Jahr leer stehendes Lokal ziehen. Im kommenden Jahr wird zudem unsere Serviceagentur für „Kreative Räume“ ihren Dienst aufnehmen, die sich vor allem dem Thema von temporären Zwischennutzungen annehmen wird. Wie es aussieht, wenn Gebietsbetreuung, Geschäftsleute, BewohnerInnen und auch Kunstschaffende zusammen arbeiten, kann man etwa am Beispiel der Reindorfgasse im 15. Bezirk beobachten.

VBW: Wie geht die Stadt mit dem wachsenden Trend der Sharing Economy unter anderem Uber, Airbnb, um? Oftmals liegen diese in juristischen Grauzonen, Airbnb Vermittler zahlen beispielsweise keine Ortstaxen.

BRAUNER: Das ist ein komplexes Thema, mit dem wir uns als Stadt gerade intensiv auseinandersetzen. Aufbauend auf eine Studie mit vielen internationalen Vergleichen, die wir gemacht haben, ist eine hochrangige Arbeitsgruppe der Stadt gerade dabei, Handlungsoptionen für uns zu erarbeiten. International gibt es ja quasi alles, vom Versuch der Regulierung, bis hin zu Verboten. Man darf auch nicht vergessen, dass Airbnb oder auch Uber mittlerweile riesige internationale Unternehmen sind. Was für mich nicht geht ist, dass wir weiter eine Situation haben, wo unsere Hotellerie hohe Standards hat und Abgaben bezahlt und andere tun das nicht.

VBW: Wenn Sie morgen ein Unternehmen gründen, was würde es sein?

BRAUNER: (lacht) Ich würde mich im Bereich des Tourismus engagieren, da hat man viel mit Menschen zu tun.